FOCUS News

FOCUS News

Zahlen, Fakten, Überraschungen, Pech, Verletzungen und Erfolge

N.B. › 25.10.2011

Das Katusha Saison Resümee von Team Liaison Manager Martin Böckelmann

Martin Böckelmann ist als Team Liaison Manager von FOCUS für die Koordination des Sponsoringengagements bei Team Katusha verantwortlich. Eine enge Zusammenarbeit mit dem ganzen Team, einzelnen Fahrern, Komponenten-Sponsoren und internen FOCUS-Mitarbeitern prägen seine Arbeit. Entsprechend nah war Martin in den vergangenen Monaten dem Geschehen rund um die WorldTour. Der perfekte Gesprächspartner für ein Saison Resümee.

FOCUS: Oktober 2011. Eine ereignisreiche Saison mit Katusha geht zu Ende. Nach hunderten Renneinsätzen steht die Winterpause für den Radsport-Zirkus an. Nach einem Rückblick in Bildern sind wir nun auf Dein persönliches Resümee gespannt.

Martin: Fangen wir mal mit den nackten Zahlen an. Bei ihrer internationalen Rennpräsenz sammelte das ProTeam Katusha mit seinen 30 Fahrern über 230 Platzierungen. Dabei sind rund 20 Siege herausgesprungen – eine überschaubare Anzahl, die (nur) zum zwölften Rang im World-Tour-Ranking führte. Dennoch war das Team durchaus präsent. Durch die beherzte Fahrweise waren unsere Fahrer stets heiße Anwärter auf sich formierende Ausreißergruppen.

FOCUS: Bei dem Highlight des Jahres, der Tour de France, überraschte Team Katusha bereits vor dem Start …

Martin: Das ist wohl war. Team Katusha ging auch für uns etwas unerwartet mit einer rein russischen Abordnung an den Start. Doch nach dem erklärten sportlichen Ziel, das erfolgreichste Team der Welt zu werden, verfolgt das Management ein weiteres Ziel. Mit dem Kunstnamen Katusha wollen sie den Radsport in Russland bekannter und zugänglicher zu machen. Mit dieser Entscheidung haben sie das vielleicht erreicht. Die internationale Aufmerksamkeit war zumindest da.

Das russische Team bei der Tour de France

FOCUS: Und wie sah es dann mit dem sportlichen Erfolg bei der Tour aus?

Martin: Während der dreiwöchigen Rundfahrt kämpfte das Team immer wieder um Erfolge in Fluchtgruppen oder Massensprints, am Ende tauchen die russischen Katusha-Fahrer aber nur viermal unter den zehn Bestplatzierten auf. Ein Achtungserfolg gelang Mikhail Ignatiev, der nach der 16. Etappe als kämpferischster Fahrer mit der roten Rückennummer geehrt wurde. Die Champs-Élysées in Paris erreichte jedoch nur noch eine dezimierte Equipe. Fünf von neun gestarteten Fahrern. Bestplatzierter Mann war Vladimir Gusev als 23. Teamkapitän Vladimir Karpets, der auf eine Top-Platzierung im Gesamt-Klassement schielte, landete mit fast einer Stunde Rückstand auf Rang 28. Gefolgt von den fleißig arbeitenden Helfern Yury Trofimov auf Rang 30, Egor Silin auf Rang 73 und Mikhail Ignatiev als 147.

FOCUS: Also war der Tour-Auftritt aus sportlicher Sicht eher enttäuschend?

Martin: Ja, das muss ich leider so sagen. Auch wenn viel Pech dabei war…

FOCUS: Gibt es einen Fahrer, den Du aufgrund seiner Leistung hervorheben möchtest?

Martin: Nein, das Team Katusha besteht aus mehreren Mannschaften und das ProTeam aus 30 Fahrern – hier haben einzelne Fahrer unterschiedliche Akzente gesetzt. Aus sportlicher Sicht sorgte 2011 überwiegend unser spanisches Leichtgewicht Joaquin Rodriguez mit seinem ebenso kletterstarken Adjutanten Daniel Moreno für die meisten Scores in der Team-Wertung. Bei der Spanienrundfahrt gelang Rodriguez zwar nicht der erhoffte Gesamtsieg, jedoch arbeitete er für mich sichtbar mit großer Hingabe an seinem sportlichen Erfolg und lieferte mit zwei Etappensiegen und fünf Top-Ten-Platzierungen eine ordentliche Vorstellung. Es reichte zwar in der Fahrerwertung nicht ganz für die Vorjahresleistung, aber am Ende sicherte er sich im UCI-WorldTour-Ranking Rang 4 hinter Contador, Evans und dem überragenden Philippe Gilbert.

Eine sichere Bank für offensive Auftritte war auch der Russische Meister Pavel Brutt. Ihm gelang durch seine typisch kämpferische Fahrweise bei der Classica Sarda Sassari der erste Saisonerfolg für das ProTeam Katusha.

Wenn man eines hervorheben muss, ist es die mannschaftliche Geschlossenheit bei den großen Rundfahrten. Hier hat jeder für den anderen gearbeitet und da schließe ich das ganze Team mit ein. Im Profisport muss die Dreiecksbeziehung aus Fahrer, Sportlicher Leiter und Mechaniker reibungslos funktionieren. Und daran knüpft auch unsere Arbeit als Technischer Sponsor an.

Martin mit Kollege und Focus Produktmanager Peter bei Paris-Roubaix

FOCUS: Und was war mit dem Nachwuchs in dieser Saison?

Martin: Der 24-jährige Nachwuchs-Sprinter Denis Galimzyanov sorgte in seiner ersten ProTeam-Saison für eine faustdicke Überraschung. Zunächst unterlag er dem endschnellen Marc Cavendish bei der Oman-Rundfahrt nur hauchdünn, dann bot er durch die ganze Saison der namhaften Konkurrenz die Stirn. Vier Siege und ein Dutzend Platzierungen folgten – gekrönt vom Sprintertrikot bei der Tour of Beijing. Das ist wirklich eine super Leistung, bei der meiner Meinung nach, die Begeisterung von Gali und offensichtlich das Sprintertraining mit Mario Cipollini einen entscheidenden Teil beitrug.

Eine durchwegs erfolgreiche Saison erreichten die ebenfalls von FOCUS gesponserten und in der Berichterstattung leider weniger beachteten Nachwuchsteams Itera-Katusha sowie die U23- und U21-Mannschaften. Das in der dritten Liga gesetzte Continental-Team Itera-Katusha erreicht im UCI Europe Tour Ranking den zehnten Platz und ist damit das erfolgreichste Continental-Team. Der 21-jährige Nikita Novikov wechselt in die höchste Liga und fährt nächste Saison bei Vacansoleil. Mit Sicherheit ein Nachweis für die konsequente Nachwuchsarbeit bei Katusha.

FOCUS: Lässt sich ein Pechvogel der Saison ausmachen?

Martin: Eindeutig: “Pippo”. Im Frühjahr setzte Filippo Pozzato bereits beim Klassiker Mailand-San Remo mit dem fünften Platz ein Ausrufezeichen, auf das bis auf den dritten Gesamtrang bei der Tour de Picardie zunächst keine weiteren Highlights folgten. Nicht zuletzt aufgrund seines Sturz- und Verletzungspechs, das ihn lange zurückgeworfen hatte. Schlussendlich gelang ihm jedoch ein siegreiches Comeback. Mit sattem Vorsprung gewann er Anfang Oktober den Grand Prix Beghelli. Man sah ihm förmlich an, wie glücklich er in diesem Moment über Erfolg und sein Arbeitsgerät war.

FOCUS: Und welches Erlebnis hat Dich am meisten beeindruckt?

Besonders bei den Rundfahrten wird von allen Beteiligten ein unglaublicher Einsatz abverlangt. Das beginnt mit den Mechanikern, die bis spät in die Nacht die Räder putzen und schrauben müssen, auch wenn der Sattel mal wieder um einen Millimeter nach vorne soll. Der Koch muss das perfekte Essen zubereiten, die Fahrer wollen zu Massage usw. Auch wir als Sponsoren können keine ruhige Kugel schieben und müssen oft sehr spontan Einsatz bringen, wenn sehr kurzfristig breitere Reifen, zusätzliche Sattelklemmen, Rahmen oder sonstige Teile benötigt werden. Als ausgemachter Radfan ist es für mich natürlich ein besonderes Erlebnis direkt vor Ort zu sein und alles hautnah mitzuerleben. Es gibt vieles, was einfach wahnsinnig spannend und beeindruckend war. Auch wie sich die Fahrer immer wieder quälen und eine schier unmenschliche Arbeit leisten, Natürlich hätte ich mir den einen oder anderen Sieg mehr gewünscht …

Als Mitarbeiter eines Fahrradherstellers war mein Einsatz als mobiler Betreuer bei der Materialschlacht von Paris-Roubaix vielleicht das prägendste Erlebnis des Jahres. Da wird wirklich von jedem – Fahrer sowie Betreuer - alles abverlangt, was man zwar jetzt beschreiben könnte, aber besser noch selber erlebt. Es geht einem wirklich unter die Haut, mit welcher Begeisterung die Fans ihre Stars anfeuern und wie groß die Sensation Radsport in der Praxis ist. Der Radsport lebt und das ist ein herrliches Gefühl.